„Die Lesung“ oder „Potsdamer Straße, Geschichten, Mythen, Metamorphosen“

21. März 2016
Von Beate Huss

FLOTTWELL BERLIN Hotel - Lesung Potsdamer Strasse März

Sybille Nägele + Joy Markert, Zeichnung: Beate Huss

Claire Waldoff mit Krawatte, singt auf dem Frühstücks-Tresen Lieder, Herr von Chamisso verneigt sich tief und zieht vor ihr den Hut.

Während Sybille Nägele und Joy Markert in der Lobby des FLOTTWELL BERLIN Hotels aus ihrem Buch über die Potsdamer Straße vorlesen, verwandelt sich die Lobby in eine längst vergessene Kulisse. Die weltberühmte Promenade, gepflastert aus Berliner Urgestein! Diese fabelhafte Straße, auf der vor vielen, vielen Jahren, Gedichte für die Allerliebste, und auch Romane – verfasst von aller-, wirklich Allergrößten – mit echter Tinte auf Papier geschrieben wurden.

Durch das offene März-Fenster tönt das Geklapper von Pferdehufen. Kutschenreifen knarren schief, Bierfässer rumpeln und rollen durch die aufgerissenen Mäuler der düsteren Keller. Und dit Jebrülle von de Jören und det Jeraschel von die roten Röcke,  strömt auf den milden Sonnenstrahlen, sanft in die jute alte Stube, von draußen aus Berlin direkt und mittemang hinein….

Kohlenduft steigt hinauf durch meine Nase, als ich aus meinen Träumen dieser vergangenen, vergilbten  Tage erwache und auf die Glut der abgebrannten Kohlescheite blicke. Ich finde mich wieder vor dem offenen Kamin der Hotel Lobby.

Well,  das FLOTTWELL BERLIN Hotel, so erzählen uns die zwei Autoren am Ende ihrer Lesung, liegt genau gegenüber dieses illustren Hauses durch dessen Mauern, schon vor mehr als hundert Jahren, die rote Linie der U-Bahn 2 direkt hindurchfährt. Unverblümt, mit dezentem Quietschen, die „Potsdamer Straße“ im Visier.

Das Buch klappt zu, das Schriftstellerpaar verabschiedet sich von seinen Zuhörern. Doch ihre Geschichten hallen lange nach. Ich flaniere durch den nächtlichen Park am Gleisdreieck. Der Mondschein leitet mir den Weg nach Hause. Da höre ich ganz deutlich, wie sich hinter frühlingshaften Hecken die Olle mit dem Bolle janz köstlich amüsiert.