Blog der UmweltBank (Mai 2019): Ein Radhotel mitten in der Hauptstadt

Rings um das Flottwell Hotel tobt das Hauptstadtleben: vorbei brausende Autos, dröhnende Busse, hupende Taxis. Die Gäste und Betreiber des Cityhotels in Berlin Mitte lassen es viel ruhiger angehen: Sie erobern den Kiez mit dem Rad.

Das Flottwell Berlin Hotel setzt auf umweltfreundliche Mobilität, und das Anliegen ist echt: Geschäftsführer Stephan Kühne und die beiden Gesellschafter Donat Kühne und Holger Matthies gehen mit gutem Beispiel voran und besitzen alle drei kein Auto. Auch der Hotelbetrieb kommt gänzlich ohne Auto aus. Stattdessen motiviert das Hotel alle Gäste, die Stadt mit dem Drahtesel zu erobern.

Fahrradverleih: Ein Rad für alle Fälle

Die Entfernungen in Mitte sind für das Rad ideal: Die gut drei Kilometer zwischen Potsdamer Platz und „Alex“ sind per Fahrrad in einer Viertelstunde bequem zu meistern. Das Flottwell Berlin Hotel hat dafür einen eigenen Fahrrad-Fuhrpark eingerichtet: 6 sportliche Trekkingräder, 4 bequeme Vaasa-Fahrräder und sogar ein Lastenfahrrad stehen für die Ausleihe zur Verfügung.

Gäste, die weitere Strecken planen, können auf zwei e-Bikes zurückgreifen. Damit sich niemand im Großstadtdschungel verfährt, hat das Hotel eine übersichtliche Tourenkarte entwickelt. Entlang der vier empfohlenen Routen nimmt man die Berliner Sehenswürdigkeiten quasi im Vorbeifahren mit.

Strom tanken: Zum Laden in den Keller geh’n

Ein weiterer umweltfreundlicher Service des Hotels sind Elektroladestationen. Zum Laden müssen sie lediglich ihr Auto in die Tiefgarage fahren. Dort stehen drei schmucke, rote Ladestationen mit 11 KW zur Verfügung. Während die Gäste ein paar Stockwerke höher friedlich schlummern, laden die Autos unter der Erde über Nacht auf.

Das Hotel berechnet pro Aufladung lediglich fünf Euro. In der Hauptstadt ist das Hotel eines der wenigen, das seinen Gästen diesen Service anbietet – und das zu deutlich günstigeren Preisen als an öffentlichen Ladestationen.

Umweltschutz liegt in der Luft

Auch im Haus selber wird Energie gespart, wo es nur geht. Die Beheizung des Gebäudes erfolgt beispielsweise aus einem Blockheizkraftwerk. Den erzeugten Strom nutzt das Hotel direkt; Überschüsse fließen in das öffentliche Stromnetz ein. Die Energiewandlung und -nutzung erfolgt per Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Damit kann eine Energienutzung von bis zu 94 Prozent erzielt werden. Dazu spart dieses Heizsystem rund 38 Prozent Primärenergie ein.

Auf Klimaanlagen verzichtet der Betrieb ganz bewusst, denn gerade an dieser Stellschraube können Hotels viel Energie verpulvern – oder eben einsparen. Stattdessen hält eine Lüftungsanlage die Temperatur in den Zimmern im Sommer auf etwa 26 Grad und schafft damit ein angenehmes Raumklima.

Müll bewusst reduzieren

Neben der technischen Seite versuchen die Mitarbeiter des Flottwell Berlin Hotels den Betrieb so zu organisieren, dass möglichst wenig Müll anfällt. Das beginnt schon morgens am Frühstücksbuffet: Joghurt, Quark und Salate werden in Weckgläsern serviert; Wurst, Käse und Obst auf Platten angerichtet. Butter, Marmelade und Honig gibt es nicht in Miniatur-Verpackungen, sondern ebenfalls in Weckgläsern. Das reduziert den Verpackungsmüll des Hotels enorm.

Auch an der Rezeption und in der Verwaltung achtet das Team darauf, möglichst wenig Papier und Toner zu verbrauchen. Gäste erhalten ihre Rechnungen daher überwiegend digital. Der Effekt kann sich sehen lassen: Die Maßnahmen haben in den letzten Jahren mehrere tausend Seiten Papier und einige tausend Euro Toner eingespart.


Quelle: Bank & Umwelt – Der Blog der Umweltbank

Rhein-Zeitung (November 2018): Nach der Kieztour entlang von Spree und Havel

Berlin mit dem Fahrrad entdecken

von Olaf Goebel

Einst war der im Krieg zerbombte Anhalter Bahnhof mit seinem riesigen Rangierbetrieb der größte seiner Zeit in Europa, jetzt hat sich ein 26 Hektar großes Gelände zum „Park am Gleisdreieck“ gemausert.

Dieser ist eine der neuen Berliner Oasen, nur wenige Minuten vom Potsdamer Platz entfernt. Ein Treffpunkt für Kinder, familien oder Sportler, die die vielen Freizeiteinrichtungen nutzen oder bei gutem Wetter im Garten des Craft-Beer-Hot-Spots „BRLO“ eine Pause einlegen. Zu Fuß und mit dem Rad lässt sich der Park erkunden, und das Deutsche Technikmuseum an der östlichen Ecke ist nicht nur an Regentagen ein Toptipp.

Apropos Regen. Pünktlich zu unserer Kieztour durch Kreuzberg, entlang von Landwehrkanal und Spree und hinein in die Geschichtsträchtige Stadtmitte öffnet der Himmel seine Schleusen. Vier Stunden lang flattern unsere roten Capes durch die Straßen. Und trotzdem – es macht Spaß. Großen Anteil daran hat unser Guide Andre Franke. Der 41-jährige Diplom-Ingenieur und Stadtplaner kennt „sein“ Berlin aus dem Effeff, erzählt mit klatschnassen haaren vom früheren „Urban“-Hafen im Landwehrkanal als wichtigstem Umschlagpatz, Stoppt am Petriplatz, wo mit dem „House of One“ ein nicht ganz unumstrittenes religiöses Zentrum für Christen, Juden und Muslime entstehen soll

Ein paar Minuten später suchen wir schnell Unterschlupf in einem geräumigen Hauseingang und schauen auf die wiedererstandene Barockfassade des Berliner Stadtschlosses, in dem Ende 2019 das „Humboldt Forum“ in Mitte eröffnet werden soll. Dann radeln wir am Potsdamer Platz entlang – wenig später hat uns der Park am Gleisdreieck wieder, den der Regen menschenleer gefegt hat.

Das Fazit, als wir uns im Fahrradkeller der Hoteltiefgarage nach zwölf Kilometern aus den nassen Capes schälen: Auch bei widrigem Wetter hat Berlin seinen Reiz. Und gefährlich war die Tour nun wirklich nicht. Diese Reaktion kennt auch André von seinen rund 200 Touren im Jahr: „Die Gäste, vor allem die Frauen, sagen immer wieder, sie hätten nicht gedacht, wie gut man in Berlin mit dem Rad unterwegs ist.“ Meist ist er für „Berlin on Bike“ bei immer neuen Kieztouren auf Achse. Dessen Gründer Martin „Wollo“ Wollenberg startete 2004 mit 16 Rädern. Heute hat der 53-Jährige vier fest angestellte Mitarbeiter, mehr als 50 freiberufliche Guides und blickt auf eine ständig modernisierte Flotte von 600 Rädern aller Typen in den Geschäftsräumen in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg. Wollo ist einer von nahezu 40 Anbietern, die sich in der Hauptstadt auf dem Feld des touristischen Fahrradangebots tummeln.

Breite Radlerspuren auf vielen Straßen oder separate Routen, fast 1000 Kilometer flache Radwege, spannende Tourenangebote – dies hat auch die Hoteliers der AG Rad innerhalb der Partnerhotels von Visit Berlin auf den Plan gerufen. So sind mittlerweile von 350 schon 44 als fahrradfreundliche Hotels von der Fünf-Sterne-Herberge über Mittelklassehotels bis zur Jugendherberge gelistet, mit allem, was Radler benötigen. So offeriert das FLOTTWELL BERLIN Hotel vier Touren von Preußens Glanz über die neue Mitte bis hin nach Kreuzberg – anarchisch, politisch, schräg. Da lassen sich die Kieze auf eigene Faust oder geführt erkunden. Für Geschäftsführer Stephan Kühne ist wichtig: kein Stress, locker radeln…

Wir treten am nächsten Morgen mit Christian Tänzler von Visit Berlin in die Pedale. Die Regenwolken haben sich verzogen, die Sonne lacht und öffnet vom 66 Meter hohen Kreuzberg mit seinem Schinkel-Denkmal zum Sieg über Napoleon 1813/15 einen herrlichen Blick über die Hauptstadt. Und wir sehen bereits von oben unser nächstes Ziel, das Tempelhofer Feld. Das riesige, 300 Hektar große Gelände des ehemaligen Flugplatzes, ist heute ein soziokultureller Treff der Bevölkerung. Gemeinschaftsgärten, Sportanlagen, Treffs für Jung und Alt, Freilandlabors für Schulklassen und, und, und. Denn die Berliner haben 2014 per Bürgerentscheid der Bebauung einen Riegel vorgeschoben.

Wo 1948/49 fast im Minutentakt bei der Berlinblockade die Rosinenbomber landeten, stemmen wir uns auf der zwei Kilometer langen Rollbahn dem aufgefrischten Wind entgegen. Vor uns der langsam näher kommende riesige Flughafenkomplex, das größte Baudenkmal Europas. Dessen Keller und Bunker wurden von den Nazis zur Rüstungsproduktion genutzt. Zu diesen verborgenen Orten und anderen interessanten Punkten des Flughafens gibt es Führungen.

Das Gesamtkonzept „Zukunft Tempelhof“ läuft bereits: 1,2 Kilometer lang ist das Flughafendach, auf dem eine Geschichtsgalerie entstehen wird, das Alliiertenmuseum zieht in einen Hangar, ein Kreativzentrum siedelt sich an, der Tower wird 2020 für die Öffentlichkeit frei. Für Tänzler ein sich ständig entwickelnder Hotspot. […]

Den gesamten Text können Sie hier lesen (PDF 300KB) Kieztour Rhein-Zeitung Koblenz November 2018


Quelle: Rhein-Zeitung, Nr. 275, 28.11.2018